Felix Hausdorff - Paul Mongré

Felix Hausdorff gehört zu den herausragenden deutschen Mathematikern des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts. Er wurde am 8. November 1868 in Breslau als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren. Die Familie lebte ab 1870 in Leipzig, wo Hausdorff seine Schulzeit und den größten Teil seines Studiums absolvierte. 1895 habilitierte er sich an der Universität Leipzig, war dort Privatdozent und von 1901 bis 1910 außerplanmäßiger Extraordinarius. 1910 wurde er Extraordinarius in Bonn, 1913 Ordinarius in Greifswald. Von 1921 bis 1935 wirkte er wieder in Bonn. Als Jude unter der nationalsoziali­stischen Diktatur zunehmend schikaniert und gedemütigt, nahm er sich am 26. Januar 1942 gemeinsam mit seiner Frau das Leben, als die Deportation in ein Konzentrationslager unmittelbar bevorstand.

Hausdorff begründete in seinem Hauptwerk Grundzüge der Mengenleh­re (1914) die allgemeine Topologie als eigenständige mathematische Dis­ziplin. Dieses Buch war auch methodisch ein Meilenstein auf dem Wege zur modernen mengentheoretisch-axiomatisch fundierten Mathematik des 20. Jahrhunderts. Hausdorff leistete ferner bedeutende Beiträge zur allgemeinen und deskriptiven Mengenlehre (Hausdorffsche Rekursionsformel für die Alephexponentiation, höhere Theorie der geordneten Mengen, Beginn der Theorie der saturierten Strukturen, Lösung des Kontinuumproblems für Borelmengen), Maßtheorie (Hausdorff-Maß und Hausdorff-Dimension, Kugel­paradoxon), Algebra (Baker-Campbell-Hausdorff-Formel), Funktionalanalysis (Hausdorffsches Momentenproblem, Hausdorffsche Limitierungsverfahren, Hausdorff-Youngsche Ungleichungen), Wahrscheinlichkeitstheorie (Semiinva­rianten, Gram-Charlier-Reihen, erster korrekter Beweis des starken Gesetzes der großen Zahl) und Versicherungsmathematik (erster korrekter Beweis des Hattendorffschen Theorems, individuelle Risikotheorie).

Hausdorff verkörperte, vor allem in seiner Leipziger Zeit, eine Art Dop­pelexistenz: Als Felix Hausdorff war er der produktive Mathematiker, als Paul Mongré (das war sein Pseudonym) der Literat, Philosoph und zeitkritische Essayist, der um die Wende zum 20. Jahrhundert eine bemerkens­werte und beachtete Erscheinung im intellektuellen Leben Deutschlands war. Er verkehrte freundschaftlich mit einer Reihe bekannter Literaten, Künstler und Verleger wie Hermann Conradi, Richard Dehmel, Otto Erich Hartleben, Gustav Kirstein, Max Klinger, Max Reger und Frank Wedekind. Die Jahre 1897 bis etwa 1904 markieren den Höhepunkt seines literarisch-philosophischen Schaffens; in diesem Zeitraum erschienen 18 der insgesamt 22 unter Pseudonym veröffentlichten Schriften. Darunter waren der Aphorismenband Sant' Ilario. Gedanken aus der Landschaft Zarathustras, das erkenntniskritische Buch Das Chaos in kosmischer Auslese, der Gedicht band Ekstasen, das Theaterstück Der Arzt seiner Ehre sowie zahlreiche Es­says, die meist in der damals führenden Literaturzeitschrift "Neue Deutsche Rundschau (Freie Bühne)" erschienen. Das Theaterstück war Hausdorffs größter literarischer Erfolg: es wurde in 31 Städten mehr als 300 mal aufge­führt.

Am Mathematischen Institut der Universität Bonn werden im Rahmen ei­nes Projektes der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften Ge­sammelte Werke Hausdorffs mit Einschluß seiner philosophisch-literarischen Schriften, seiner Korrespondenz und ausgewählter Stücke seines Nachlas­ses herausgegeben. Von den neun geplanten Bänden sind bereits fünf im Springer-Verlag erschienen.